Der „Rohschnitt“

Der „Rohschnitt“

Was ist da eigentlich noch „roh“?
Daniel G. Stephan
Beitrag vom 25.11.2020


„Give it to us raw and wriggling“

(Sméagol, DVD „Die Zwei Türme – Special Extended Edition“, 98. Min, 2003, New Line Home Entertainment Inc.,
Montage: Michael Horton mit Jabez Olssen)


Wenn etwas als „roh“ bezeichnet wird, dann heisst es meist, dass dieses Etwas noch unbearbeitet ist. Fleisch zum Beispiel. Da gibt es zunächst das Tier, nehmen wir eine Kuh. Sie wird geboren, wächst, wird geschlachtet und dann zubereitet. Der Zustand zwischen der Schlachtung und der Zubereitung wird „roh“ genannt. Allerdings ist es dann nicht mehr die Kuh, die so betitelt wird, sondern nunmehr das Fleisch.

Klingt nach Klugscheißern? Ja richtig, und es geht noch weiter:

Rohkost auf der vegetarischen Seite ist der ungegarte Zustand von Obst, Getreide und Gemüse vor dem Verzehr. Werdegang: Vom Samen zur Pflanze und dann direkt auf den Teller. Erde vorher bitte abwaschen. Ein drittes Beispiel für die Verwendung des Begriffes ist jenes auf uns Menschen bezogene. Dabei ist eine Person als „roh“ zu betrachten, wenn sie von der Persönlichkeit her grob, taktlos und mit wenig Feingefühl ausgestattet erscheint.

Und dann gibt es da noch unseren „Rohschnitt“. Dieser geht Hand in Hand mit der Rohschnittsichtung, jener nicht öffentlichen ersten Aufführung des geschnittenen Materials vor einem intimen, kleinen Publikum aus Personen, die in die Produktion involviert sind. Diese beraten sich anschließend über Probleme der Struktur, der Charaktere, des Flows und nicht selten des Verständnisses.

Wie ist hier die Begrifflichkeit zu begreifen? Warum „roh“? Meiner Meinung nach eine irreführende Namensgebung. Vor der Montage gibt es tatsächlich das rohe, das noch unbehandelte Material, welches jedoch schon einen intensiven Prozess der Werdung hinter sich hat. Genaugenommen ist das Material gar nicht mehr roh. Doch im Montageprozess ist dies ein neuer Startpunkt. Lassen wir den Begriff „Rohmaterial“ also gelten. Da liegt es nun in kleinen digitalen Pixelordnern, den Bins der Schnittprogramme. 

Sobald aber die Montage beginnt, befindet es sich in einem zweiten Prozess der Entwicklung zum fertigen Film. Dabei verliert das Material den Zustand des „Rohseins“ nicht erst mit dem Setzen des ersten Schnitts. Bereits vorher wurde dem rohen Bild der separat aufgenommene Ton hinzugefügt. Bild und Ton umarmen sich dabei und lassen in der Regel nicht mehr los, es sei denn, die Editor*innen suchen im Montageprozess nach anderen Tönen, die der Sache dienlicher sind. Mit dem Anlegen des Tons hat die Zubereitung schon begonnen. Die Zutaten sind in einem Topf. Nun kommt ein kreativer Prozess ins Laufen. Der Sinn entfaltet sich vor denEditor*innen. Alles wird von Gedankengang zu Gedankengang verbunden. Das Material beginnt in diesem Schaffungsprozess als Film zu leben. Das Fleisch wird zur lebendigen Kuh. Einer neuen Kuh. Ein Schöpfungsprozess ist am Laufen.

Einzelne Takes verlieren ihr einsames Dasein und werden mit passenden Partnern verlobt. Manchmal hält diese Verlobung bis zur Hochzeit. Oft wird die Verbindung aber im Prozess fallen gelassen, um einen besseren Partner zu finden. Und vielleicht noch öfter wird sie warmgehalten. Eine Polyamorie der Einstellungen.

Die Editor*innen nähern sich mit jeder erneuten Betrachtung, mit jedem Schnitt dem Material an. Passt es oder passt es nicht? Was bewirkt jede einzelne Entscheidung? Ein kreativer und verantwortungsvoller Vorgang, der bis zum Zeitpunkt der sogenannten „Rohschnittsichtung“ dem Film seine bis dahin beste Form gibt. Nichts ist an dieser Stelle mehr „roh“. Aus verschiedensten guten Gründen wurde jeder einzelne Schnitt genau da platziert wo er am richtigsten erschien. Vorerst.

Da die Montage ein Findungs- und Annäherungsprozess an das Material ist, ist es auch logisch, dass zu diesem frühen Zeitpunkt der Schnitt auch eher als die Bewältigung einer ersten Etappe zu betrachten ist. Fertig ist es noch nicht. Aber „roh“ auch schon lange nicht mehr.

Typische Sätze, die man bei der nachträglichen Diskussion hört, sind solche wie: „…naja, da und dort passt es noch nicht, aber es ist ja auch erst der Rohschnitt.“ Und ich gebe zu, als Editor benutzt man so eine Floskel auch schon mal gerne, um den Gesprächsteilnehmer*innen zu zeigen, man sei sich bewusst, dass es noch nicht optimal funktioniert, es aber in der Phase nach dem Rohschnitt sicher gelöst werden wird. Eine Sicherheit vermittelnde Floskel. Eine Floskel der Beruhigung. Aber auch eine herabwürdigende Floskel. Solch eine Formulierung wertet den gesamten Prozess herab, der hinter einem liegt. Editor*innen werten sich selbst mit ihrer Arbeit herab. Der Schnitt zu diesem ersten Vorführtermin ist erstmal genau so gewollt. Sonst wäre es ja etwas anderes geworden. Die kochende Suppe ist schließlich beim ersten Kosten auch nicht mehr roh.

Im Schnitt bin ich vom ersten Betrachten des Materials an dazu bestrebt, eine ihm innewohnende vollkommene Form zu finden und zu geben, als wäre es nie anders gedacht gewesen. (Freilich ist diese Form meiner Vorstellung innewohnend. Nicht dem Material.)
Der Prozess ist also von jenem Augenblick an intensiv und bleibt es bis zum Final Cut. Eine Unterscheidung in Roh und Feinschnitt ist vielleicht für Außenstehende eine mehr oder minder sinnvolle Unterscheidung von zeitlichen Abschnitten. Aber im Schnitt selbst gibt es den Anfang, ein Ende und dazwischen viele kleinere und größere Erfolge, Rückschläge, Verzweiflungen und Jubel.

Statt „Rohschnitt“ wären sinnvollere Namen für die erste Zwischenaufführung so etwas wie „Erste Schnittfassung“, „First Pass“ oder „First Edit“, die in Varianten auch schon durchaus geläufig sind. Sinnvoll deshalb, weil diese Bezeichnungen den Prozesscharakter in sich tragen. Sprache formt Wahrnehmung.

Die erste Version ist nicht „grob“ und schon gar nicht mehr „unbehandelt“. Sie ist wie ein kleines, sich im Wachstum befindendes Kind, das in seiner Motorik noch nicht ganz koordiniert ist. Man nimmt es behutsam an die Hand und betrachtet das Wachsen mit gespannter Freude.  


Dieser überarbeitete Text wurde ursprünglich am 10. 06. 2010 auf meinem Filmschnitt-Blog „montagedenken.de“ veröffentlicht. Der Blog ist nicht mehr existent.

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