Offenheit & Geschlossenheit – Ein Phänomen in polykontexturaler Betrachtung

Foto: ESA (CC BY-SA 3.0 IGO)

Offenheit & Geschlossenheit – Ein Phänomen in polykontexturaler Betrachtung

von Daniel G. Stephan
Beitrag vom 20.04.2021


„Space, the final frontier …“

Mit diesen berühmten Worten eröffnete die Science-Fiction Serie „Star Trek“ von den 60er (TOS) bis in die 90er Jahre (TNG) hinein ihre Abenteuer …  jedenfalls im englischsprachigen Original, denn in der deutschen Synchronisation verschob sich der Sinn ein wenig:

„Der Weltraum, unendliche Weiten …“

Man kann hier nicht gerade von einer Eins-zu-eins-Übersetzung sprechen. Anders ausgedrückt: Die Übersetzung scheint dasselbe Objekt der Beschreibung, den Weltraum, im Vergleich zum Original mit oppositären Begrifflichkeiten bezeichnen zu wollen: Zunächst beschreibt „frontier“ eine Grenze und somit etwas Geschlossenes (das überwunden werden möchte). Demgegenüber stehen die „unendlichen Weiten“ als eine Offenheit, als das, was hinter dem Geschlossenen liegt – als das durch das Geschlossene (unendlich) Ausgeschlossene.

Doch wozu diese Feststellung? Wir wissen doch alle, was damit gemeint ist. Ja, irgendwie schon – und gerade das ist das Wunder der Kommunikation.

Verschiedene gesellschaftliche Disziplinen haben sich bereits mit dem Phänomen der „Offenheit und Geschlossenheit“ auseinandergesetzt.
Und je in ihrer eigenen Weise kreisen die verschiedenen Gedanken um die Entschlüsselung jenes Geheimnisses unserer Wahrnehmung, unserer Kommunikation und unserem Verhältnis zur „Welt“.

In der Philosophie hat Martin Heidegger das unmögliche Unterfangen, in das wirkliche Wesen der Welt vordringen zu wollen, „Erde“ genannt. Sie ist das wesenhaft Sich-Verschließende (vgl. Heidegger, 1960, 44). Demgegenüber stellt er den Begriff „Welt“ und bezeichnet sie als das wesenhaft Sich-Öffnende. Aber:

Welt ist nie ein Gegenstand, der vor uns steht und angeschaut werden kann. Welt ist das immer Ungegenständliche, dem wir unterstehen, solange die Bahnen von Geburt und Tod, Segen und Fluch uns in das Sein entrückt halten.

(Heidegger 1960, 41)

und weiter:

Welt und Erde sind je in sich ihrem Wesen nach streitig und streitbar. Nur als diese treten sie in den Streit der Lichtung und Verbergung.

(Heidegger 1960, 54)

Indem sich eines öffnet, wird anderes verborgen. Dies ist der ewige Kreis und Fluch, dem wir als Beobachter der „Welt“ nicht entkommen können. Doch um Etwas überhaupt beobachten zu können, müssen wir etwas Bestimmtes tun, um dieses Etwas erst aus der Unendlichkeit der Welt herauslösen zu können: Wir müssen es unterscheiden. Der Mathematiker George Spencer-Brown hat dies in der Herleitung seines Indikationenkalküls wie folgt festgelegt:

We take as given the idea of distinction and the idea of indication, and that we cannot make an indication without drawing a distinction. We take, therefore, the form of distinction for the form.

(Spencer-Brown 2010, 01)

Erst durch die Unterscheidung kann „Welt“ schließlich „Form“ erlangen. Dazu muss das von allem anderen Unterschiedene aber auch bestimmt werden („make an indication“). 

In der Literatur kommt mir Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ in den Sinn. Dort wird eine ganze Welt, Phantásien, durch das sogenannte und nicht-beschreibbare „Nichts“ nach und nach aufgelöst:

»Das ist es ja gerade, was so schwer zu beschreiben ist […] Es sieht eigentlich gar nicht aus. Es ist – es ist wie – ach, es gibt kein Wort dafür!«

(„Das Irrlicht“ in: Ende 1987, 26)

Das Nichts kann aber auch als das un-unterschiedene Alles beschrieben werden. Ein Zustand der Welt ohne Beobachter. Bastian Balthasar Bux aber kann die Welt vor dem völligen Verschwinden in die Unterschiedslosigkeit bewahren. Denn er hat eine Fähigkeit, welche die Wesen Phantásiens nicht haben: Namen zu geben. Er kann die Welt (neu) erschaffen, indem er dem Sinn-losen durch Namensgebung Sinn verschafft. Unkonkretes wird zu Konkretem. Bastian ist der Beobachter, der durch seine Beobachtung (Unterscheidung und Bezeichnung) nach und nach eine neue Welt (und deren Unendlichkeit) herstellt.

Um noch einmal mit Heidegger zu sprechen:

Die Erde her-stellen heißt: sie ins Offene bringen als das sich Verschließende.

(Heidegger 1960, 44)

Es gibt für Bastian einen Horizont der schier unendlichen Möglichkeiten, doch er kann immer nur etwas Bestimmtes darin durch Namensgebung aktualisieren: Einen Nachtwald (Perelín), eine Farbenwüste (Goab), einen Zaubergürtel (Gémmal) etc. etc. Er erschafft seine Welt (Das Geschlossene) durch seine eigene Perspektive aus dem unendlich offenen „Nichts“. Und durch die Erschaffung / Beobachtung / Benennung von „Etwas“ kann es auch erst ein Bewusstsein für das „Offene“ / das Ausgeschlossene / das (Noch-) Nicht-Beschriebene geben. Die Benennung, der Name, ist die Schöpfung. Aber der Name ist hinterlistig. Er tut nur so, als ob er das Benannte bezeichnet:

Die Bedeutung eines Begriffes hängt an dem, was mit dem Begriff nicht gemeint ist. Das heißt, Sprache verschleiert, dass die Dinge nicht so sind, wie wir sie benennen, sondern wir durch die Benennung die Welt unterteilen – und letztlich die Freiheit haben, die Grenzen zu ziehen, wo es uns beliebt. 

(Lau 2012, 29)

Dies ist es, was Bastian tut. Er zieht neue Grenzen. Seine Grenzen. Damit sind „Welt und „Beobachter“ untrennbar miteinander verbunden, obwohl gerade die Existenz des Beobachters die Welt erst auftrennt. Die Abhängigkeit der Welt von ihrem Beobachter beschreibt Michael Ende an anderer Stelle in seinen „Vierundzwanzig Fragen an den geneigten Leser“:

Um sich eine Welt «an sich», außerhalb der menschlichen Vorstellungen von der Welt, vorzustellen – bedarf es dazu nicht wenigstens eines Menschen, nämlich dessen, der sich diese Welt vorstellt?

(Ende 2011, 41)

In der luhmannschen Systemtheorie wird „Realität“ durch Kommunikation erschaffen, während „Wahrnehmung“ eine ganz eigene, von der Kommunikation getrennte Beobachterposition einnimmt. Strukturell aber sind beide Systeme gekoppelt. Jede Art der Kommunikation greift sich aus der „Welt“ etwas heraus, das je ihrer Beobachterperspektive entsprechend beschrieben wird. Wir verlassen also damit das Bestreben, eine ontologische Welt der Dinge als solche erfassen zu wollen und betreten in der Kommunikation eine Welt der Polykontexturalität. Jedes Subsystem der Kommunikation setzt da seine eigenen Grenzen und beobachtet anders.

Systeme haben Grenzen. […] Grenzen sind nicht zu denken ohne ein »dahinter«, sie setzen also die Realität des Jenseits und die Möglichkeit des Überschreitens voraus. Sie haben deshalb nach allgemeinem Verständnis die Doppelfunktion der Trennung und Verbindung von System und Umwelt.

(Luhmann 1987, 52)

Wenn wir uns Michael Endes Phantásien noch einmal bildhaft vor Augen holen, so sieht dieses Phantásien für jeden Besucher, für jede Besucherin aus der Menschenwelt anders aus, denn es werden andere Unterscheidungen in demselben Reich der Fantasie getroffen. Andere Grenzen werden gezogen:

»Ja, ich kenne die Kindliche Kaiserin«, sagte Herr Koreander, »allerdings nicht unter diesem Namen. Ich habe sie anders genannt. Aber das spielt keine Rolle.«

(„Herr Koreander“ in: Ende 1987, 484)

In unserer Wahrnehmung lassen wir die Grenzen der Kommunikationssysteme verschwinden. Wir kommunizieren, als ob es nur eine einzige Welt gebe, in der wir kommunizieren und uns verstehen. Dabei verschleiert die Wahrnehmung, dass Kommunikation von Grund auf trennt und jede Kommunikation ihr Objekt anders sieht. Die „Kindliche Kaiserin“ ist Herrn Koreander bekannt. Aber: unter einem anderen Namen! Verbindung durch Trennung. Herr Koreander ist ein anderer Beobachter als Bastian. Er zieht seine eigenen Grenzen. Aber: „Das spielt keine Rolle“ (Für die Kommunikation, sie geht weiter, findet Anschluss.)

Die Beschreibung der Welt ist also ohne eine Beobachterperspektive nicht zu denken. Können wir dennoch Zugriff auf die „Welt“ erhalten „wie sie wirklich ist“?

Welt ist nicht schlicht da, sondern sie wird je hervorgebracht. Das ist der ontologische Status der Welt, der es geradezu ausschließt, von einer Welt zu sprechen, sondern lediglich – in dieser paradoxen Formulierung – von Welten in der einen Welt.

(Nassehi 2003, 202)

Indem wir also Welten beobachten, nähern wir uns dem Horizont der einen „Welt“ irgendwie an, ohne sie je vollständig beschreiben oder gar erfassen zu können, denn dieser Horizont ist unendlich.

Wir erschaffen mit jeder Beobachtung etwas Geschlossenes, wir trennen Schließungen aus der Unendlichkeit heraus und können unserer Perspektive nicht entkommen.

Um wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren:

Durch die „unendlichen Weiten“ oder ein „final frontier“  wird eine bestimmte, nämlich die Zuschauerperspektive (oder Erdperspektive, oder Erdraumschiff-Perspektive … wie man es nimmt) beschrieben. Doch dementgegen würde die Besatzung eines Klingonenschiffs auf Grundlage klingonischer Unterscheidungen den Weltraum wohl weder mit „Grenze“ noch „Unendlichkeit“ sondern eher mit „Gefahr“ oder mit „Eroberung“ attributieren. Die Ferengis würden unendlichen Profit dort draußen sehen und das allmächtige Wesen „Q“ wiederum ein Universum, das es nach Belieben manipulieren kann usw. 

Polykontexturalität eben.  

Zusammengefasst: Die Offenheit ist die Existenz unendlicher Möglichkeiten anderer Beobachterperspektiven und wird erst durch ihre Geschlossenheiten hervorgebracht. Deren Differenzen verbirgt die Kommunikation geschickt durch stetige Erschaffung von Anschlussmöglichkeiten und somit stets fortlaufender Kommunikation.


Literatur:

Ende, Michael, 1987: Die unendliche Geschichte. München, Deutscher Taschenbuch Verlag

Ende, Michael, 2011: Zettelkasten – Skizzen & Notizen. München, Piper Verlag

Heidegger, Martin, 1960: Der Ursprung des Kunstwerkes. Stuttgart, Philipp Reclam jun. GmbH & Co

Lau, Felix, 2012: Die Form der Paradoxie. Heidelberg, Carl-Auer-Verlag

Luhmann, Niklas; Fuchs, Peter 1987: Reden und Schweigen. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag

Nassehi, Armin, 2003: Geschlossenheit und Offenheit. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag

Spencer-Brown, George, 2010: Laws of Form. Leipzig, Bohmeier Verlag

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