Neal Adams – Nachruf

Titelbild: Originalfoto von Super Festivals unter CC-BY-2.0 Lizenz

Neal Adams – Ein Nachruf

von Daniel G. Stephan
Beitrag vom 01.05.2022

© Panini Comics, mit freundlicher Genehmigung

Jeder und jede Comicbegeisterte kann sich daran erinnern, wo sie begann – die Leidenschaft für die grafische Erzählkunst. Für manche startete sie in der Bibliothek, für andere im Zeitungsladen. Wieder andere haben vielleicht einen Stapel Comics geschenkt bekommen. Und für die meisten von uns begann alles in der Kindheit.
Für mich war dieser Startpunkt der Flohmarkt. Ich hatte nicht das nötige Taschengeld, um mir ganze Reihen kaufen zu können. So waren meine Anfänge als Comicleser vor allem von Erzählfragmenten geprägt. Selbstverständlich gab es unter meinen Flohmarktfünden auch abgeschlossene Geschichten wie bei den Asterix Bänden, den Clever & Smart Comics oder den Abenteuern des Raumschiffs Enterprise. Doch üblicherweise und gerade wenn es um Superhelden ging, kaufte ich nur einen kleinen, nämlich den gerade auf dem Verkaufstisch verfügbaren Teil einer viel größeren Welt. Und dieser kleine Teil war für mich wie ein Samen, der durch meine Vorstellungskraft zu einer gigantischen Pflanze heranwuchs. Wie die Welt des dunklen Ritters.


Der gar nicht so dunkle Ritter


Neal Adams‘ Darstellung von Batman hat maßgeblich meine Sicht auf dieses Schwergewicht unter den Superheldenfiguren geprägt, denn es waren seine Illustrationen, die ich als Kind begeistert in meinen Händen hielt. Voller Faszination las ich immer und immer wieder die Bruchstücke einer viel größeren Geschichte rund um Batmans Kampf gegen den „Dämon“ Ra’s al Ghul. Adams‘ Batman war weder dunkel noch verbittert. Er war nicht klamaukig wie seine Darstellung in der TV-Serie aus den 60er Jahren. Nein. In seiner Version wohnte Batman eine Leichtigkeit inne, die nicht mit Humor zu verwechseln ist. Dieser Ritter war nicht zum Lachen. Er war athletisch, elegant und greifbar. Gleichzeitig war er immer von einer mysteriösen Aura umgeben. Nicht zuletzt, weil sein Cape ein lebendiger Teil von ihm zu sein schien. Das Kostüm, das Adams seinem Batman verpasste, verlieh ihm auf eine ganz eigene Art und Weise eine Dynamik, die einzigartig war. Ja, ich würde sogar so weit gehen, dass für mich dieses grau-blaue Kostüm mit den langen Fledermausohren, welches so schnittig den hochgewachsenen Körper von Bruce Wayne umschloss, gar nicht mehr von seinem Träger zu trennen war. Kostüm und Person verschmolzen hier zu einem neuen Wesen. Für mich gab es in dieser Darstellung gar kein „Darunter“ mehr. Kein „Hinter der Maske“. Dies war Bruce Waynes wahres Wesen in Vollendung.

In den Comics, die Neal Adams gezeichnet hat, war Batman gerade durch sein Design zu jenem Detektiv mit dem scharfen Verstand geworden, den ich so gern in Erinnerung behalte. Körperlich superfit aber keine brutale Kampfmaschine. Die vielen visuellen und charakterlichen Metamorphosen des Rächers im Laufe der Jahrzehnte haben selbstverständlich alle ihre Berechtigung. Und ich bin immer wieder verblüfft wieviel es dann doch noch zu erzählen gibt und wievieles immer wieder und äußerst clever neu interpretiert werden kann. Doch ich vermisse jene außergewöhnliche Ära in der Geschichte von Gotham, die Adams maßgeblich prägte. Und ich bin froh, dass ich sie in meiner Kindheit (wenn auch nur in Auszügen) erleben durfte.

© Panini Comics, mit freundlicher Genehmigung

Auf meinem Schreibtisch liegt „Batman vs Ra’s al Ghul“. Die Einzelhefte dieser von Neal Adams geschriebenen und gezeichneten neuen Batman Geschichte kamen zwischen 2019 und 2021 heraus. Der Sammelband ist seit September letzten Jahres erhältlich. Ich war begeistert, als ich damals erfuhr, dass es ein neues Abenteuer aus Adams Feder geben wird. Und nun ist sie zu seiner letzten Batman Erzählung geworden.


Der echte Mensch


Vor einigen Jahren besuchte ich die MCM Comic Con in London. Und wer war dort zu Gast? Neal Adams himself. Wie man sich denken kann war sein Stand gut besucht. Geduldig standen die Fans Schlange, um zum Meister zu kommen, sich ihre Comics signieren zu lassen oder ein Original von ihm zu erwerben. Und ich selbst habe mich nicht getraut mich anzustellen. Dieser Mann war für mich überlebensgroß. Er war eine Legende. Wie konnte ich so jemandem nicht zittrig gegenüberstehen? Was konnte ich sagen, was er nicht schon zigtausendmal von anderen gehört hat? Und so streifte ich mit meinen Leuten durch die Con bis es Abend wurde. Schließlich kam ich noch einmal an seinem Stand vorbei. Um diese Uhrzeit kurz vor Schluss stand keine Seele mehr an. Adams saß an seinem Tisch und zeichnete versunken vor sich hin. Also war dies der Moment und die Gunst der Stunde. Doch ich sollte es noch lange bereuen, schließlich hingegangen zu sein.

Ich griff mir einen seiner Prints von einem Batman Cover aus den 70er Jahren und ging zu ihm. Was hatte ich erwartet? Ich weiß es immer noch nicht. Adams war nicht unfreundlich. Doch er wirkte erschöpft. Er nahm sich den Print und mein Geld und fragte nach meinem Namen. Und während er schrieb erzählte ich ihm kurz, was seine Comics mir als Kind bedeutet haben und noch heute bedeuteten. Auf seine Antwort war ich nicht vorbereitet, denn er startete ein Verkaufsgespräch. Er wies mich darauf hin, dass ich einen Rabatt erhalten würde, wenn ich drei oder mehr Prints kaufen würde. Völlig aus der Bahn geworfen stotterte ich nur, dass ich bereits mit diesem einen Druck sehr glücklich sei. Er schob nach: „Your friends can buy some prints and you’ll still get the discount.“

Lange war diese Begegnung nur so zu beschreiben: Sie war die pure Enttäuschung. Im wahrsten Sinne. Doch ich brauchte Jahre, um zu jener Erkenntnis zu gelangen, dass ich mich zuvor selbst getäuscht hatte. Ich hatte diesen Mann zu einem gewichtigen Mythos meiner Gedankenwelt gemacht. Und diesem Mythos entsprach er im Moment der Begegnung ganz und gar nicht. Neal Adams war stattdessen ein Mensch wie jeder andere. Ein Mensch, der einen harten, langen Convention Tag durchgemacht hat. Ein Mensch, der von seinen Illustrationen lebt und an ihnen verdient. Ein Mensch, dessen persönliche Geschichte ich jenseits seiner biografischen Eckpunkte gar nicht kannte. Ein Mensch, dessen Gedankenwelt mir verschlossen ist. Mir saß nicht Batman gegenüber, nicht Bruce Wayne, nicht Matches Melone oder irgendein anderer Charakter aus der Comicwelt, sondern ein Comicmacher, der kurz vor Feierabend noch einem weiteren Fan einen seiner Prints verkauft hat.

Ich erkannte spät, dass es nicht Menschen sind, die zu überlebensgroßen Legenden werden sondern deren Werke. Diese Werke sind für uns etwas ganz Persönliches. Sie sind es, die bei uns verbleiben – lange, nachdem ihre Schöpfer gegangen sind.
Und mit den Werken werden auch die Schöpfer unsterblich. Neal Adams ist einer von ihnen.


Dieser Text ist zuvor erschienen
im Modern Graphics Blog


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