Atréju und Auryn: Eine kleine Erkenntnis

Atréju und Auryn – Eine kleine Erkenntnis

Entdeckungen in Film und Literatur
von Daniel G. Stephan
17.02.2021


»Laß mich, Herr!« antwortete das Pferdchen, »ich schaffe es nicht. Geh allein weiter! Kümmere dich nicht um mich! Ich kann diese Traurigkeit nicht mehr aushalten. Ich will sterben.« […]
»Aber ich bin doch auch hier«, sagte Atréju, »und ich fühle nichts.«
»Du trägst den ›Glanz‹, Herr«, antwortete Artax, »du bist geschützt.«

(Ende 1987, 65f)

Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ ist für mich zu einem der wichtigsten Bücher meines Lebens geworden. Und damit stehe ich sicher nicht alleine da. Als Kind faszinierte mich die sagenhafte Welt Phantàsiens, die abenteuerlichen Reisen Atréjus und Bastians und auch der Reichtum an verschiedensten Wesen, die diese unvergessliche Welt bewohnen.
Je älter ich aber wurde und je öfter ich das Buch las, desto mehr erkannte ich, was Ende uns mit diesem Werk eigentlich für eine Fülle an Lebenserkenntnissen hinterlassen hat.

Dass die „Sümpfe der Traurigkeit“, in denen Atréjus Pferd Artax sich dem Tode hingibt, eine tiefe und dunkle Depression beschreiben, wurde mir erst vor einigen Jahren bewusst. Was mir aber verborgen blieb, war, weshalb Atréju selbst vor dieser vernichtenden Traurigkeit geschützt war. Sicher, es wird beschrieben: Er trägt den Glanz um seinen Hals, das Zeichen der Kindlichen Kaiserin, AURYN. Doch verstanden hatte ich es nicht. Ich nahm es als Teil der Erzählung hin, dass dieses magische Amulett eben seinem Träger Schutz zu gewähren vermag.

Und damit handelte ich in etwa so wie Endes Kritiker z.B. die Figur Meister Hora aus Momo als eine Art Deus Ex Machina beschrieben und dabei keinen Zugang zu der eigenen Innenwelt gefunden haben (vgl. Ende, Eppler, Tächl 1982). Denn nur, wenn man seine Innenwelt (Fantasie, Gefühle, Emotionen) als mindestens genauso wichtig erachtet wie die Außenwelt und schließlich aus ihr heraus auf die Geschichte blickt, so entfaltet sich die Erklärung in aller Klarheit:

Später im Buch wird, wie wir wissen, Bastian zum Träger von AURYN. Als ein Kind aus der Menschenwelt nutzt er das Zeichen, um durch seine schöpferische Kraft einerseits Phantásien (wieder) zu erschaffen und andererseits durch seine Wünsche den Weg zurück in seine Welt zu finden (und fast daran zu scheitern). AURYN trägt also die Kraft der Wünsche in sich. So weit so gut.

Auf die Wesen Phantásiens – und Atréju gehört dazu – wirkt das Amulett aber anders. Sie können nicht erschaffen. Doch denke ich, dass dies nichts daran ändert, dass sein Träger dennoch eben jene Kraft der Wünsche um seinen Hals trägt.

So wird Atréju nicht durch ein irgendwie magisches Artefakt vor Finsternis und Traurigkeit geschützt, sondern ganz konkret durch die Kraft der Wünsche! Denn – und dies lese ich heraus – wenn wir keine Wünsche, keine Ziele mehr im Leben haben, versinken wir immer tiefer in diesem zähen Schlamm der „Sümpfe der Traurigkeit“. Unsere Wünsche sind es, die uns helfen, schwere und düstere Zeiten durchzustehen. Denn Wünsche sind immer auf eine Zukunft gerichtet, während die Depression in einem zeitlosen und niemals vergehenden Jetzt stattfinden mag.

Und auch wenn wir wissen, dass im Leben die „Sümpfe der Traurigkeit“ immer wiederkehren werden, können wir uns an unseren Wünschen festhalten.


Literatur:

Ende, Michael (1987) Die unendliche Geschichte, München: Deutscher Taschenbuch Verlag

Ende, Michael; Eppler, Erhard; Tächl, Hanne (1982) Phantasie/Kultur/Politik: Protokoll eines Gesprächs, Stuttgart: Edition Weitbrecht 

error: